
Zelebrieren
Seit den Ursprüngen der CSD Bewegung im Jahr 1969 hat sich der Charakter der Christopher Street Day Paraden deutlich verändert. Den Grundstein legten Männer in Frauenkleidern in der Bar "Stonewall Inn" in New York. Sie waren die ersten, die sich mutig gegen willkürliche Polizeirazzien auflehnten. Ohne die schrillen Transvestiten gäbe es keine moderne Homo-Bewegung.
In Stuttgart zog 1979 erstmals ein kleines Grüppchen lesbischer und schwuler Aktivist/innen beim Homobefreiungstag über die Königstraße. Schon damals unterschied sich die Demonstration von anderen politischen Zügen. Zusätzlich zu Trillerpfeifen und Plakaten waren bunte Kostüme eine oft gewählte Form des Ausdrucks – teilweise auch eine Hommage an die Wegbereiter von 1969.
Über die Jahre wandelte sich das Gesicht der CSDs zusehends. Den harten politischen Forderungen wurde eine ordentliche Portion Lebensfreude und Provokation hinzugefügt. Sei es mit bunten und freizügigen Kostümen, lauter Musik oder auffälligen Aktionen. Schließlich galt es, speziell in den 80er und 90er Jahren, klar zu stellen, dass die Minderheit der Homosexuellen überhaupt existent ist. Auffallen um jeden Preis war Gebot der ersten Stunde.
Mit den ersten wichtigen Erfolgen schwul-lesbischer Gleichberechtigung veränderten sich auch die CSD Events. Der Stolz auf das bisher Erreichte wurde zur festen Größe der CSD Aktivität. Daher gehört das Zelebrieren, also das Feiern, heute genauso selbstverständlich zum Christopher Street Day, wie das Demonstrieren, Engagieren und Informieren.
Zudem gilt die einfache Formel: wer einmal miteinander gefeiert und gelacht hat, versteht sein Gegenüber, dessen Ängste, Nöte und Bedürfnisse um ein Vielfaches besser. Spaß und Lebensfreude als verbindendes Element, ohne den ernsten Hintergrund zu verleugnen.
Sicherlich lässt sich über manche Darstellung und manche Ausprägung vortrefflich streiten. Schließlich sind Toleranz und Akzeptanz keine Einbahnstraße, sondern beruhen auf Geben und Nehmen. Politische und gesellschaftliche Bewegung wird aber nur durch einen offenen Dialog angestoßen.
Und sind wir ehrlich: mehr Gesprächs- und Diskussionsstoff als ein CSD liefert sicher keine politische Demonstration. Sowohl zwischen Schwulen und Lesben untereinander, als auch im Ringen um gleiche Rechte innerhalb der Gesellschaft.
Wird ein CSD je überflüssig? Wohl kaum!
- Erstens gilt es immer noch elementare Forderungen umzusetzen – auf rechtlicher, politischer und gesellschaftlicher Ebene. Und für diese lohnt es sich auch weiterhin, lautstark für sie einzutreten und volles Engagement zu zeigen.
- Zweitens verändern sich politische und gesellschaftliche Strömungen innerhalb einer Demokratie ständig – es gilt also wachsam zu bleiben und Rückschritte zu vermeiden.
- Drittens ist der CSD heutzutage neben den politischen Aspekten gleichzeitig ein Gedenk- und Feiertag für Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender – und als dieser Ehrentag im homosexuellen Kalender wird er freudig, offen und ausgelassen begangen.
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