• Christopher Street Day (CSD) Stuttgart

Motto: MUT zur Freiheit

Von der Freiheit eines selbstbestimmten Lebens aller Menschen und dem Mut, dafür beherzt einzutreten – davon erzählt und dafür kämpft der diesjährige Christopher Street Day (CSD) in Stuttgart. Unter dem Motto „Mut zur Freiheit“ findet vom 12. bis 28. Juli 2019 das Kulturfestival der Regenbogen-Community statt. Ausgangspunkt ist die Geschichte von Wut und Mut, ohne die bei den „Stonewall Inn“-Revolten 1969 in New York nicht der Grundstein für die heutige Sichtbarkeit, Gleichberechtigung und Akzeptanz gelegt worden wäre. 1979 schwappte die Bewegung als „Homobefreiungstag“ nach Stuttgart – „Gay Liberation Day“ auf schwäbisch. Und 2019 feiert der CSD-Verein das 18. Jahr des Bestehens. Viele Erfolge wurden seither errungen und Freiheiten erkämpft. Und doch scheinen eben diese heute erneut in Gefahr zu sein.


50 Jahre nach den Aufständen um das „Stonewall Inn“ am 28. Juni 1969 haben lesbische, schwule, bisexuelle, transsexuelle, transgender, intersexuelle und queere Menschen (LSBTTIQ) unglaublich viel erreicht – der Mut der Gedemütigten von damals, Willkür, Verfolgung, Ausgrenzung und Ignoranz nicht länger zu dulden, hat viele Gesellschaften in weiten Teilen der Welt nachhaltig verändert; gerade auch in Deutschland: Homosexuelle Handlungen stehen nicht mehr unter Strafe. Viele der einst aufgrund ihrer sexuellen Orientierung, geschlechtlichen Thematik oder nicht-traditionellen Lebensentwürfen verfolgten Menschen werden sichtbar. Einige erhalten gar eine geringe Entschädigung für erlittenes Unrecht. Homosexualität und – allerdings erst seit Kurzem – Transsexualität, gelten nicht mehr als Krankheit. Das Personenstandsrecht ist im Wandel, so dass intersexuellen Menschen künftig keine Geschlechtszuweisung mehr aufgezwungen werden soll. Und dann natürlich die Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare mitsamt dem gemeinsamen Adoptionsrecht.

Gesellschaft und Freiheit stehen unter Druck

Mit Beharrlichkeit haben wir Etappe um Etappe genommen. Bis zur vollständigen Gleichstellung schien es nur eine Frage der Zeit. Denn in der Gesellschaft hatten wir Rückenwind, dank engagierter Unterstützer*innen aus der Mehrheitsgesellschaft. Doch inzwischen spüren wir Verunsicherung im eigenen Land und in zahlreichen anderen Teilen der Welt: Verloren gegangen scheint die Gewissheit, dass sich die Gesellschaft ausschließlich in Richtung Offenheit, Respekt, Toleranz und Akzeptanz entwickelt. Die Wertschätzung gegenüber der erlangten gesellschaftlichen Freiheit scheint insgesamt durch arge Abnutzungserscheinungen geprägt.


Wie schon 1969 stehen Gesellschaften auch heute stark unter Druck, scheinen mancherorts die liberalen Demokratien zu wanken. Es wirkt paradox: Je offener die Gesellschaft insgesamt wurde, desto schwieriger wird es, auszuloten, wo die Freiheiten des Einen beginnen und die des Anderen enden – oder wo Gemeinsamkeiten liegen. In der Auseinandersetzung darum scheint mehr und mehr der Respekt verlorengegangen: Im Großen der Respekt vor den Institutionen, welche die Freiheit tragen, verteidigen und absichern sollen. Und im Kleinen der Respekt vor anderen Menschen mit anderen Perspektiven, Erfahrungen, Weltbildern und Lebensrealitäten. Nun, wo wir frei sein und das Leben leben könnten, ohne Zwänge, Zuschreibungen und Konventionen – da werden neue Abgrenzungen errichtet. Schon wieder werden Sündenböcke gesucht – und vermeintlich gefunden. Wo Gemeinschaft zu erkennen war, herrscht plötzlich wieder Abschottung. Rückzug in die kleine, übersichtliche Welt statt Offenheit und Neugier.


Nicht umsonst beschreibt der Autor Francis Fukuyama in seinem neuen Buch „Identität“ die Fliehkräfte der heutigen gesellschaftlichen Umbrüche, indem er von einerseits Zersplitterung oder Partikularinteressen und andererseits von einem Schulterschluss der Verunsicherten spricht. Links Vereinzelung, rechts Nationalismus. Dabei leiden die Würde, der Respekt und letztendlich die Freiheit aller.
Natürlich dürfen wir nicht verkennen, dass Rückenwind in Gegenwind umschlagen kann. Vergessen wir aber auch nicht die Unterstützung, die unsere berechtigten und wichtigen Anliegen bereits erfuhren und erfahren. Nutzen wir die Kraft und die Zuversicht, die aus dem Mut der Generationen an Vielfaltsverfechter*innen und emanzipatorischen Kämpfer*innen, die sich 1969, 1979 oder zu anderer Zeit engagierten, um unseren eigenen „Mut zur Freiheit“ erneut und noch mehr anzufachen. Wann, wenn nicht 2019 – im Jahr der Regenbogen-Jubiläen – wäre dafür ein besserer Zeitpunkt.


Viele Themen brauchen Mut zur Freiheit


Denn für zahlreiche Menschen der Regenbogen-Gemeinschaft ist das Leben weiterhin ambivalent: Vielfalt wird gefeiert, doch im eigenen Umfeld, in der Familie, dem Freundeskreis, auf dem Pausenhof oder am Arbeitsplatz wirkt das wenig relevant. Die Folgen: Unsichtbarkeit, Selbstverleugnung und Selbstabwertung. Diese Menschen müssen in der Tat mutig sein, um im Alltag zu bestehen. Ganz zu schweigen von der vergessenen Mehrheit der LSBTTIQ in anderen Ländern, wo ihnen Tag für Tag Ausgrenzung, Verfolgung oder gar der Tod droht.


Anzupacken gibt es jede Menge; denn in den gewährten Freiheiten liegen weiterhin Beschränkungen: bei der Familienplanung (Abstammungsrecht), im nötigen großen Wurf bei der Selbstbestimmung über Geschlecht und Körper (Dritte Option, Transsexuellengesetz), in der Absicherung des bisher Erreichten (Grundgesetzergänzung), in einem nationalen Aktionsplan gegen Homophobie und Transphobie, in einer Ahndung von Hassverbrechen gegen LSBTTIQ, in Fristenregelungen beim Blutspenden, in humanitären Lösungen für Menschen, die aus Furcht vor Verfolgung aus ihrer Heimat flüchten („sichere“ Herkunftsländer), in einer verbesserten Teilhabe und Sichtbarkeit, in der Unterstützung beim Coming Out, die weitere Aufarbeitung von juristischem und gesellschaftlichen Unrechts jenseits des § 175, in einer inklusiven Sprache, in der Wertschätzung von ehrenamtlichem Engagement sowie der nachhaltigen Förderung von Beratung, Selbsthilfe und Gemeinschaft. Bei all dem können und müssen wir weiterhin mutig sein, denn diese wichtigen Anliegen bedürfen Lösungen mit größtmöglicher Freiheit und verdienen eine offene Diskussion sowie eine unaufgeregte, breite Debatte – jenseits von Partikularinteressen und Abschottung.


Die 2019 anstehenden Jahrestage der LSBTTIQ-Emanzipationsbewegung – 50 Jahre seit „Stonewall“, 40 Jahre seit dem „Homobefreiungstag“ und damit seit der ersten CSD-ähnlichen Demonstration in Stuttgart – bieten die hervorragende Gelegenheit den eigenen Mut zur Freiheit zu überprüfen, ihn auf Respekt, Aktualität und Wertschätzung abzuklopfen. Dabei gilt es, Schlüsse aus der Vergangenheit zu ziehen und Lehren für die Gegenwart abzuleiten. Aus jenen Ereignissen seit 1969 oder 1979 und den daraus erwachsenen Erfolgen gilt es, Zuversicht zu schöpfen und Gestaltungswillen und Mut zu zeigen.


Wagen wir auch weiterhin mehr „Mut zur Freiheit“. Der CSD Stuttgart bietet dazu mit den Kulturtagen vom 12. bis 28. Juli 2019 wieder einen willkommenen Anlass. Mit der CSD-Polit-Parade am 27.7. gehen in der Stuttgarter Innenstadt wieder tausende Menschen auf die Straßen, zeigen sich mutig und kämpfen gemeinsam für die Freiheit. Die Vielfalt und die errungene Freiheit wird anschließend im Rahmen der CSD-Hocketse, dem zweitägigen Straßenfest auf Markt- und Schillerplatz, am 27. und 28.7. gebührend gefeiert.

Mit Mut zur Freiheit: Stonewall und der Kampf für gleiche Rechte und Sichtbarkeit

Mit der Beerdigung Martin Luther Kings waren die letzten Klänge des amerikanischen Protestlieds „We shall Overcome“ verklungen – Ende der Sechziger Jahre erlebte die USA den Wandel des Wandels: Teile der Bürgerrechtsbewegung hatten sich radikalisiert und setzten zunehmend auf Militanz; auch die Proteste gegen den Vietnamkrieg schlugen in Gewalt um. Diese Radikalisierung in den sozialen Bewegungen zog weite Kreise: Auf der „National Convention“ der Demokratischen Partei erörterten in Chicago viele Delegierte im Sommer 1968, welche Lehren sich daraus für ihre politische Arbeit ergeben. In der lesbisch-schwulen Bewegung gewannen die Stimmen die Oberhand, die nach neuen Ausdrucksformen suchten, statt auf Anpassung zu setzen. Aktivist*innen gründeten eine radikale Gruppierung mitten im Szene-Quartier des Greenwich Village. „Gay Power“ wurde zum Schlagwort in der Szene von New York City.

Im Wandel zum Widerstand kam Stonewall

Homosexuelles Leben war 1969 in wenigen Metropolen der USA bestenfalls geduldet. Strenge Sittengesetze stellten Sodomie unter Strafe. Denunziation durch Polizei und Medien sowie Erpressung waren an der Tagesordnung, um LSBTTIQ-Menschen auch in ihrer sozialen Existenz zu vernichten. Trotzdem hielt sich an wenigen Orten eine Subkultur unter prekären Bedingungen. Szene-Bars wurde lange die Lizenz zum Alkoholausschank verweigert. Strohmänner der Mafia sprangen in die Bresche, um den Bars einen neutralen Anstrich zu geben. Die korrupte Polizei profitierte von Schmiergeldzahlungen. Nur so konnten insbesondere Orte existieren, in die auch die Ausgestoßenen der LSBTTIQ-Community Einlass fanden– schrille, obdachlose Jugendliche und ethnische Minderheiten. Zu diesen Orten gehörte das „Stonewall Inn“ im Greenwich Village. Trotzdem gab es monatlich Razzien als eine Art Machtdemonstration der Polizei. Der jeweilige Eigner zahlte eine Strafe, gering genug, um das Korruptionssystem nicht zu gefährden. Bei den Razzien herrschte Willkür gegenüber Gästen und Personal. Wer weiß war und angepasst auftrat, konnte sich manchmal verdrücken. Im Visier waren dagegen Drag Queens, Butches und ethnische Minderheiten. Die Anwesenheit eines vermeintlichen Mannes in Frauenkleidern, war Vorwand genug, um die Versammlung für illegal zu erklären.

Das war die explosive Mischung im Frühsommer 1969 in New York: geschärftes politisches Bewusstsein, ein Bürgermeisterwahlkampf mit vermehrten Razzien, Aussichtslosigkeit, vielleicht die Hitze und die Aufgewühltheit nach der Beerdigung der Schwulen-Ikone Judy Garland. Im „Stonewall Inn“ stand wieder eine Razzia an: In den aufgewühlten Tagen des Wandels zum Widerstand nahmen die Gäste in der Nacht vom 27. auf den 28. Juni 1969 die polizeilichen Schikanen nicht mehr einfach hin. Insbesondere die Drag Queens und Butch-Lesben setzten sich gegen Demütigungen und Verhaftungen aktiv zu Wehr. Mit Handtaschen droschen sie auf die Polizisten ein und weigerten sich, in die Gefangentransporter zu klettern. Schließlich begannen sich auch Schaulustige einzumischen. Sie skandierten Parolen, abriegelnde Polizeibeamte wurden mit Münzen beworfen, um die Polizeikorruption zu karikieren. Die Menge schwoll an, die Polizisten sahen sich einer Übermacht gegenüber und verbarrikadierten sich zuguterletzt selbst im „Stonewall Inn“. Auch als eine eilig herbeigerufene Sondereinheit eintraf, wich die Menge nicht zurück. Die Gedemütigten hielten ihre Peiniger in Atem und griffen ständig aus unterschiedlichen Richtungen an. In der Nacht zum Sonntag, 29. Juni, zogen tausende Demonstrierende vor die Bar in der Christopher Street und suchten erneut die Auseinandersetzung mit der Polizei. In der folgenden Woche hielten die Unruhen an.

Die Aktion im Greenwich Village war der bis dato heftigste Widerstand gegen Polizeiübergriffe, jedoch nicht der erste in den USA, und auch nicht der letzte in New York City. Warum wurde gerade das „Stonewall Inn“ zum Fanal, das bis heute in die gesamte LSBTTIQ-Welt strahlt?

In der Woche nach den „Stonewall“-Aufständen war US-Nationalfeiertrag. Wie in den Vorjahren trafen sich eine Handvoll traditionell eingestellte Gay-Aktivist*innen zum „Annual Reminder“: Sie demonstrierten in Philadelphia, einer früheren Hauptstadt der USA. Mit dem „Reminder“ erinnerten sie daran, dass die Freiheitsrechte der Unabhängigkeitserklärung für Schwule und Lesben immer noch nicht eingelöst sind. Von transsexuellen und intersexuellen Menschen war damals kaum die Rede - sie lagen wohl außerhalb der gesellschaftlichen Wahrnehmung.

Die Radikalisierung der sozialen Bewegungen gerade in der New Yorker Community, die Kraft, die während der Ausschreitungen zu spüren war – und der Kontrast zu der als schal empfundenen Protestform in Philadelphia weckten das Bedürfnis, eine neue Art der Sichtbarkeit für zu schaffen. Noch im Juli 1969 wurde in New York City die „Gay Liberation Front“ gegründet, zahlreichere andere Organisationen folgten.

Aus diesen Erfahrungen entstand der Entschluss, das Momentum von Stonewall zu nutzen: Ende 1969 nahm das erste Organisationsteam seine Arbeit auf, das „Christopher Street Liberation Day Umbrella Committee“. Zur Vorbereitung gehörte auch eine intensive Pressearbeit. Aktivist*innen in anderen US-Metropolen wurden kontaktiert, mit dem Ziel, im ganzen Land an den ersten Jahrestag der Aufstände zu erinnern. Los Angeles und Chicago hatten ebenfalls den Mut, 1970 mit einer speziell amerikanischen Demonstrationsform in die Öffentlichkeit zu gehen, der Parade.

Wer bei Stonewall den Mut hatte, die Faust für die Freiheit zu erheben, waren nicht immer dieselben Menschen wie die, die dann den Mut aufbrachten, für Stonewall in die Öffentlichkeit zu gehen und ihr Gesicht zu zeigen.

Mit jedem der folgenden Jahrestage kamen weitere Städte hinzu. 1972 auch San Francisco, die US-Metropole mit der ältesten Gay-Community. Aus Eitelkeit erinnerte diese jedoch nicht direkt an Stonewall, sondern führte den Begriff „Pride“ (Stolz) ein. Bald griffen auch Städte außerhalb der USA den Impuls auf und veranstalteten Aktionen unter Berufung auf Stonewall. 1972 in Münster, Westfalen! 1979, zehn Jahre nach den Aufständen in Greenwich Village, luden Aktivist*innen zum „Homobefreiungstag“ im Herzen von Stuttgart – der „Gay Liberation Day“ auf schwäbisch. In anderen Städten wie Berlin oder Hamburg wurde unter dem Begriff „Christopher Street Day“ demonstriert.

„Stonewall“ ist also ein Mythos, der aus dem damaligen Zeitgeist und dem Wandel im gesellschaftspolitischen Wandel geboren wurde: Von Ausgestoßenen aus der Gesellschaft, deren Mut aus ihrer Wut erwuchs, die Demütigungen und Unterdrückungen nicht mehr ertragen zu wollen. Und von politisch motivierten Aktivistinnen und Aktivisten, die die Gelegenheit erkannten und nutzten, ein Symbol zu schaffen für den weiteren Kampf für Sichtbarkeit, Respekt und Teilhabe. „Stonewall“ war der Meilenstein, den die LSBTTIQ-Emanzipation benötigte, um Kraft und Mut zu bündeln. Ein Katalysator und Beschleuniger für eine aktivere Phase im Ringen um offene Vielfalt, rechtliche Gleichberechtigung und gesellschaftliche Akzeptanz.

TERMINKALENDER

Mo Di Mi Do Fr Sa So
4
11
18
25

Wichtige Termine

08. / 09. Juni - CSD-Sommerfest

12. Juli - CSD-Rathausempfang

19. Juli - CSD-Eröffnungsgala

27. Juli - CSD-Polit-Parade

27. Juli - CSD-Kundgebung

27. / 28. Juli - CSD-Hocketse

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